Anatoly Moskvin Biografie Der Fall der 26 Mädchen

Anatoly Moskvin

Anatoly Moskvin ist ein russischer Sprachwissenschaftler und Historiker, dessen Name durch einen außergewöhnlichen Kriminalfall weltweit bekannt wurde. Im Jahr 2011 entdeckte die Polizei in seiner Wohnung in Nischni Nowgorod die mumifizierten Körper von 26 Mädchen. Zuvor hatte Moskvin die Leichen aus Gräbern geholt und sie wie große Puppen angekleidet. Doch wer war der Mann hinter diesem Fall, wie verlief seine akademische Karriere und warum beschäftigte er sich so intensiv mit Friedhöfen und dem Tod?

InformationDetails
Vollständiger NameAnatoly Yuryevich Moskvin
Geburtsdatum1. September 1966
GeburtsortGorki, Russland
BerufLinguist, Historiker
AusbildungStaatliche Universität Moskau
FachgebietKeltische Studien
ReligionNicht bekannt

Frühes Leben und Herkunft

Anatoly Yuryevich Moskvin wurde am 1. September 1966 in der damaligen sowjetischen Stadt Gorki geboren, die heute Nischni Nowgorod heißt. Über seine Familie und seine ersten Lebensjahre sind nur wenige gesicherte Informationen öffentlich bekannt. Schon als Schüler entwickelte er eine ungewöhnliche Faszination für Friedhöfe und Begräbnisrituale. Gemeinsam mit Freunden besuchte er häufig verschiedene Friedhöfe in seiner Heimatstadt, besonders den Friedhof Krasnaya Etna im Stadtteil Leninsky. Diese frühen Besuche wurden später zu einem wichtigen Teil seiner Lebensgeschichte.

In einem Artikel, den Moskvin kurz vor seiner Festnahme schrieb, erklärte er, dass ein Erlebnis aus seiner Kindheit sein Interesse am Tod geprägt habe. Damals soll er an der Beerdigung eines elfjährigen Mädchens teilgenommen haben. Nach seiner eigenen Darstellung zwang ihn ein Erwachsener, das Gesicht des verstorbenen Kindes zu küssen. Moskvin beschrieb diese Erfahrung später als besonders eindringlich und belastend. Ob dieses Erlebnis tatsächlich der entscheidende Grund für seine spätere Faszination war, lässt sich unabhängig nicht feststellen.

Ausbildung und Studium

Nach seiner Schulzeit entschied sich Moskvin für ein Studium der Philologie an der Staatlichen Universität Moskau. Dort beschäftigte er sich intensiv mit Sprachen, Literatur und Sprachwissenschaft. Sein Studium legte die Grundlage für seine spätere Arbeit als Linguist, Philologe und Historiker. Besonders interessierten ihn die Geschichte und Kultur der Kelten sowie deren alte Bräuche und Überlieferungen. Durch sein umfangreiches Wissen machte er sich in akademischen Kreisen einen Namen.

Neben der Philologie entwickelte Moskvin ein großes Interesse an verschiedenen Kulturen und historischen Traditionen. Er beschäftigte sich unter anderem mit alten Begräbnisritualen, der Geschichte europäischer Völker und den Überzeugungen indigener Gemeinschaften in Sibirien. Berichten zufolge beherrschte er insgesamt 13 Sprachen, was seine außergewöhnlichen sprachlichen Fähigkeiten zeigte. Seine akademischen Kollegen beschrieben ihn als sehr intelligent, bezeichneten ihn aber auch als eigenwillig und ungewöhnlich. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit sammelte er über 60.000 Bücher und Dokumente.

Karriere und Veröffentlichungen

Nach seinem Studium begann Moskvin eine akademische Laufbahn und arbeitete am Institut für Fremdsprachen. Später war er als Dozent für keltische Studien an der Linguistischen Universität Nischni Nowgorod tätig. Sein Fachwissen umfasste Sprachwissenschaft, Geschichte, Folklore und verschiedene europäische Sprachen. Außerdem arbeitete er gelegentlich als Journalist und veröffentlichte regelmäßig Beiträge in regionalen Zeitungen. Durch seine Veröffentlichungen und seine umfangreichen Kenntnisse wurde er besonders in lokalen akademischen Kreisen bekannt.

Im Jahr 2005 erhielt Moskvin von dem Verleger und Wissenschaftler Oleg Riabov einen besonderen Forschungsauftrag. Er sollte die Verstorbenen auf mehr als 700 Friedhöfen in der Region Nischni Nowgorod erfassen und dokumentieren. Moskvin behauptete später, innerhalb von zwei Jahren insgesamt 752 Friedhöfe besucht zu haben. Dabei legte er teilweise bis zu 30 Kilometer täglich zu Fuß zurück und übernachtete gelegentlich auf verlassenen Höfen oder sogar auf Friedhöfen. Seine umfangreiche Dokumentation wurde nie veröffentlicht, galt unter Fachleuten jedoch als außergewöhnliche Forschungsarbeit.

Zwischen 2006 und 2010 arbeitete Moskvin außerdem als freier Mitarbeiter für die Zeitung Nizhny Novgorod Worker. Er veröffentlichte ungefähr zweimal im Monat Beiträge und beschäftigte sich besonders mit der Geschichte lokaler Friedhöfe. Im Jahr 2008 erschien dort eine längere Artikelreihe von ihm über die Friedhofsgeschichte der Stadt. Darüber hinaus schrieb er Wörterbücher und übersetzte wissenschaftliche Werke aus dem Englischen. Zu seinen Veröffentlichungen gehören ein Englisch-Russisch- und Russisch-Englisch-Wörterbuch aus dem Jahr 2009 sowie ein Schulwörterbuch aus dem Jahr 2014. Auch an der russischen Ausgabe des Buches „The Swastika: The Earliest Known Symbol and Its Migrations“ von Thomas Wilson aus dem Jahr 2008 wirkte er als Übersetzer mit.

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Persönliches Leben

Moskvin führte als Erwachsener ein eher zurückgezogenes Leben und wohnte gemeinsam mit seinen Eltern in Nischni Nowgorod. Über sein Privatleben war nur wenig bekannt, da er selten über persönliche Beziehungen sprach. Berichten zufolge war er nie verheiratet und hatte zuvor keine öffentlich bekannten festen Beziehungen. Außerdem soll er weder Alkohol getrunken noch geraucht haben. Seine Freizeit verbrachte er häufig mit Büchern, historischen Forschungen und seinen persönlichen Sammlungen.

Ein wichtiger Teil seines Privatlebens war sein Wunsch, selbst Kinder zu haben. Besonders eine Tochter soll er sich gewünscht haben, weil er bedauerte, keine eigene Familie gegründet zu haben. Berichten zufolge versuchte er sogar, ein junges Mädchen zu adoptieren, doch sein Antrag wurde wegen seines geringen Einkommens abgelehnt. Seine Eltern sollen mit diesem Wunsch nicht einverstanden gewesen sein. Im Jahr 2016 berichteten Medien außerdem, dass Moskvin eine 25-jährige Frau aus seiner Heimatstadt heiraten wollte, die bei seinem Gerichtsverfahren anwesend gewesen war. Ob aus diesen Plänen tatsächlich eine Ehe entstand, ist nicht zuverlässig dokumentiert.

Interessen und ungewöhnliche Ansichten

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigte sich Moskvin intensiv mit Friedhöfen, alten Bestattungsformen und dem Tod. Besonders interessierten ihn die Traditionen der keltischen Druiden und die Kultur der Jakuten in Sibirien. Nach seinen eigenen Erklärungen hatte er gelesen, dass bestimmte alte Völker durch das Schlafen auf Gräbern Kontakt zu den Geistern Verstorbener aufnehmen wollten. Diese Vorstellungen beeinflussten seine späteren Überzeugungen stark. Er bezeichnete sich selbst als „Necropolist“ und betrachtete Friedhöfe als wichtige Orte für historische und kulturelle Forschungen.

Nach seiner Festnahme erklärte Moskvin, dass er den verstorbenen Kindern helfen wollte und glaubte, sie könnten eines Tages durch Wissenschaft oder schwarze Magie wieder zum Leben erweckt werden. Er behauptete, zunächst auf den Gräbern geschlafen zu haben, um herauszufinden, ob die Seelen der Kinder zurückkehren wollten. Als ihm diese Praxis körperlich zu anstrengend wurde, begann er, die Leichen nach Hause zu bringen. Dort versuchte er, die Körper mit Salz und Natron zu trocknen und anschließend zu erhalten. Später kleidete er sie in Kinderkleidung, verwendete Perücken und teilweise Wachsüberzüge für die Gesichter. Nach seinen Aussagen betrachtete er diese Körper als seine Kinder und nicht als Gegenstände. Er sprach mit ihnen, sang Lieder und feierte angeblich Geburtstage und Feiertage.

Festnahme und Ermittlungen

Am 2. November 2011 wurde Anatoly Moskvin von der Polizei in Nischni Nowgorod festgenommen. Die Ermittler untersuchten zu diesem Zeitpunkt mehrere Fälle von Grabschändungen auf Friedhöfen in und um die Stadt. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung und Garage machten sie eine erschreckende Entdeckung: Sie fanden 26 mumifizierte Körper von Mädchen im Alter zwischen drei und 13 Jahren. Die Körper waren wie große Puppen angekleidet und in verschiedenen Räumen aufgestellt worden. Erste Medienberichte sprachen zunächst von 29 Körpern, später bestätigten die Ermittlungen jedoch die Zahl von 26.

Bei den Durchsuchungen fanden die Ermittler außerdem Karten von Friedhöfen, entfernte Namensschilder von Grabsteinen, Anleitungen zur Herstellung von Puppen sowie Fotos und Videos von geöffneten Gräbern. Moskvin wurde verdächtigt, im Laufe mehrerer Jahre zahlreiche Gräber geschändet zu haben. Die Ermittler vermuteten, dass möglicherweise bis zu 150 Gräber betroffen waren, konnten jedoch nicht alle Funde eindeutig mit ihm in Verbindung bringen. Die meisten Körper stammten nach den Ermittlungen aus der Region Nischni Nowgorod, möglicherweise kamen einige auch aus anderen Gebieten. Moskvin kooperierte mit den Ermittlern und erklärte, dass er die ungewöhnlichen Puppen über einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren hergestellt habe.

Gegen Moskvin wurde nach Artikel 244 des russischen Strafgesetzbuches Anklage wegen der Schändung von Gräbern und Leichen erhoben. Ursprünglich stand auch der Vorwurf im Raum, muslimische Gräber beschädigt zu haben. Dieser zusätzliche Vorwurf wurde später fallengelassen. Der Fall sorgte international für großes Aufsehen, weil die Polizei eine derart ungewöhnliche Sammlung menschlicher Überreste in einer Privatwohnung entdeckt hatte. Wladimir Stravinskas, der damalige Leiter des regionalen Untersuchungskomitees, bezeichnete den Fall als außergewöhnlich und ohne vergleichbares Beispiel in der modernen Forensik.

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Psychiatrische Behandlung

Nach seiner Festnahme wurde Moskvin psychiatrisch untersucht. Die Gutachter stellten eine Form der paranoiden Schizophrenie fest und kamen zu dem Ergebnis, dass er aufgrund seiner psychischen Erkrankung nicht in der Lage war, einem regulären Strafverfahren zu folgen. Am 25. Mai 2012 entschied das Bezirksgericht Leninsky in Nischni Nowgorod, ihn von der strafrechtlichen Verantwortung freizustellen. Statt einer gewöhnlichen Gefängnisstrafe ordnete das Gericht verpflichtende psychiatrische Maßnahmen an. Die Staatsanwaltschaft akzeptierte diese Entscheidung und legte keine Berufung ein.

In den folgenden Jahren wurde seine psychiatrische Behandlung regelmäßig überprüft und mehrfach verlängert. Im Februar 2013 bestätigte ein Gericht die Fortsetzung der Behandlung. Weitere Verlängerungen folgten im April 2014 und im Juli 2015. Ein Sprecher erklärte damals, dass Moskvin nach mehreren Jahren psychiatrischer Beobachtung weiterhin nicht verhandlungsfähig sei. Deshalb müsse er in einer psychiatrischen Klinik bleiben. Die Entscheidungen zeigten, dass seine Behandlung nicht als kurzfristige Maßnahme betrachtet wurde, sondern eine langfristige medizinische Betreuung erforderlich war.

Im September 2018 erklärten seine behandelnden Ärzte, dass Moskvin keine Gefahr mehr darstelle, und beantragten eine Entlassung in eine ambulante Betreuung von zu Hause aus. Dieser Vorschlag wurde jedoch nicht umgesetzt. Eine weitere psychiatrische Untersuchung kam im Februar 2019 zu dem Ergebnis, dass eine Entlassung noch zu früh sei. Daraufhin zog das Krankenhaus seinen Antrag zurück. Über seinen aktuellen Gesundheitszustand und seinen heutigen Aufenthaltsort liegen keine ausreichend gesicherten öffentlichen Informationen vor.

Vermächtnis und öffentliche Reaktionen

Der Fall Anatoly Moskvin gehört zu den ungewöhnlichsten Kriminalfällen Russlands und erregte weltweit Aufmerksamkeit. Besonders die Entdeckung der 26 mumifizierten Mädchen sorgte für Entsetzen und löste zahlreiche Diskussionen über psychische Erkrankungen, die Sicherheit von Friedhöfen und den Umgang mit Verstorbenen aus. Auch ehemalige Kollegen konnten zunächst kaum glauben, dass der Mann hinter den Vorfällen derselbe Wissenschaftler war, den sie als intelligenten und zurückgezogenen Akademiker kannten. Alexei Yesin, Herausgeber der Wochenzeitung Necrologies, hatte nach der Festnahme zunächst Zweifel an den Vorwürfen geäußert. Später beschrieb er Moskvin als Einzelgänger mit einigen ungewöhnlichen Eigenschaften.

Auch in der Kunst wurde der Fall aufgegriffen. Im Jahr 2016 zeigte die Künstlerin Sonja Nilsson in der Liljevalchs Kunsthalle in Stockholm eine Installation mit neun Puppen, die an die von Moskvin hergestellten Figuren erinnerten. Das Kunstwerk machte den Fall erneut zum Thema öffentlicher Diskussionen. Gleichzeitig blieb seine frühere wissenschaftliche Arbeit ein Teil seiner Biografie. Seine Wörterbücher, Übersetzungen und historischen Beiträge zeigen, dass er vor seiner Festnahme eine umfangreiche akademische Tätigkeit ausgeübt hatte. Seine Lebensgeschichte bleibt deshalb eng mit zwei sehr unterschiedlichen Seiten verbunden: seiner Arbeit als Sprachwissenschaftler und Historiker sowie einem Kriminalfall, der international für großes Entsetzen sorgte.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist Anatoly Moskvin?

Anatoly Moskvin ist ein russischer Linguist, Philologe und Historiker. Weltweit bekannt wurde er 2011, als die Polizei in seiner Wohnung 26 mumifizierte Körper von Mädchen entdeckte. Zuvor hatte er als Dozent, Autor und Forscher gearbeitet.

Wie viele mumifizierte Mädchen wurden in seiner Wohnung gefunden?

Bei der Durchsuchung im November 2011 entdeckte die Polizei insgesamt 26 mumifizierte Körper. Die Mädchen waren zwischen drei und 13 Jahre alt. Moskvin hatte sie aus verschiedenen Friedhöfen geholt und wie Puppen angekleidet.

Warum hat Anatoly Moskvin die Körper aus den Gräbern geholt?

Moskvin erklärte, dass er sich für die verstorbenen Kinder verantwortlich fühlte und glaubte, ihre Seelen könnten eines Tages wieder ins Leben zurückkehren. Er wollte nach eigenen Angaben mit ihnen kommunizieren und sie für eine mögliche Wiederbelebung vorbereiten. Diese Vorstellungen standen im Zusammenhang mit seiner psychischen Erkrankung.

Welche psychische Erkrankung wurde bei Anatoly Moskvin festgestellt?

Bei einer psychiatrischen Untersuchung wurde eine Form der paranoiden Schizophrenie festgestellt. Das Gericht entschied 2012, dass er nicht verhandlungsfähig sei. Statt einer gewöhnlichen Gefängnisstrafe wurde deshalb eine verpflichtende psychiatrische Behandlung angeordnet.

Ist Anatoly Moskvin noch in einer psychiatrischen Klinik?

Nach den öffentlich bekannten Berichten wurde seine psychiatrische Behandlung mehrfach verlängert. Ein möglicher Antrag auf ambulante Behandlung wurde 2019 nach einer erneuten Untersuchung zurückgezogen. Verlässliche aktuelle Informationen über seinen Aufenthaltsort und seinen heutigen Gesundheitszustand liegen nicht vor.